Mit dem ersten Condemned ist der Entwicklerschmiede Monolith ein richtig gruseliger Überraschungshit geglückt. Jedoch wirkte das Spiel an vielen Stellen leider ein wenig unfertig und man vermisste den nötigen Feinschliff. Nun drei Jahre nach dem ersten Teil steht mit Condemned 2: Bloodshot der Nachfolger vor der Tür. Konnten die Entwickler dem Spiel den nötigen Feinschliff verpassen und so den atmosphärischen Vorgänger übertrumpfen?
Ethan Thomas, der Antiheld
Im Spiel übernimmt man die Rolle von Ethan Thomas. Dieser ist nach den Erlebnissen aus dem ersten Teil vollkommen am Ende. Er ist süchtig nach Alkohol, hat enorme psychische Probleme und ist auch sonst in allen anderen Dingen ziemlich fertig. Als er einem anderen Obdachlosen durch die Strassengassen streift, kommt er mitten in eine Schlägerei. Dieser erster Kampf dient vor allem dazu, dem Spieler das Kampfsystem näher zu bringen. Dieses erfordert eine ziemliche Eingewöhnungsphase, da es vor allem beim Blocken sehr viel Timing und Kenntnisse über die Gegner benötigt. Darüber hinaus kann Ethan auch noch zahlreiche Kombos auf den Gegner pfeffern, das ist z.B. eine simple Links-Rechts Schlagkombination. Als Ethan plötzlich einen Ziegelstein an den Kopf bekommt, entfesselt das seine inneren Dämonen, welche ihm immer wieder im Spielverlauf begegnen werden. Diese zeigen sich als schwarze teerüberzogene Kreaturen und sind gar nicht gut auf Ethan zu sprechen. Es gibt aber auch einen Doppelgänger von Ethan, welcher alle seine Süchte und sonstigen Macken darstellt. Das Spiel gewinnt durch diese ganze Sache ein grosses Atmosphäre plus, da bei Ethan immer wieder die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt und er sich so in einer wahren Hölle wiederfindet.
Kämpfen mal anders
Damit sich Ethan gegen die zahlreichen Rowdies und Dämonen wehren kann, stehen ihm diverse Mittel zur Verfügung. Ca. 3/4 des Spiels werden mit Nahkampfwaffen bestritten und dieses Arsenal ist wirklich sehr umfangreich. Ethan kann alles möglich von seiner Umgebung als Waffe brauchen. Das können Stromleitungen, Rohre, Baseballschläger oder noch viele anderen Dinge sein. Auch gibt es zahlreiche Finishing Moves, wenn man nämlich genug lange auf einen Gegner prügelt kniet er irgendwann mal benommen auf den Boden. Nun kann man ihn packen und ihn auf zahlreiche Varianten erledigen. Man kann den benommenen Gegner beispielsweise in einen Fernseher rammen oder ihn einfach über ein Geländer werfen. Die Nahkämpfe sind zu jeder Zeit ziemlich anspruchsvoll, wenn man nicht das ganze Repertoire von Ethan benutzt und nicht geschickt blockt, liegt man ziemlich schnell im Dreck. Das macht das Spiel aber keineswegs unfair, denn die Gegner werden nie übermächtig und wenn man doch mal den Löffel abgibt sorgen die sehr geschickt verteilten Save-Points für keine richtig frustigen Erlebnisse. Wenn man genügend Gegner ins Nirvana befördert hat, kann man eine sogenannte “Chain-Attack” ausführen. Das sind besonders spektakulär in Szene gesetzt Angriffe in denen man bestimmte Tasten drücken muss. Das reicht vom simplen brechen des Armes bis zum totalen Finisher inkl. Genickbruch. Es gilt auch zu sagen, dass es in den Kämpfen von Condemned 2 immer sehr ruppig zu und her geht, auch sonst nimmt sich das Spiel kein Blatt vor den Mund und zeigt die verschiedensten Gewaltdarstellungen, Leute mit schwachen Nerven sollten also besser einen weiten Bogen um das Spiel machen. Es gibt jedoch nicht nur Nahkampfwaffen, manchmal trifft man auch auf einen Schiessprügel, diese sind jedoch in der Munition sehr stark limitiert und müssen mit bedacht benutzt werden. Auch ist Ethan wegen seiner Alkoholsucht nicht fähig die Waffe schon ruhig zu halten, nur wenn man sich vorher einen ausreichenden Schluck Feuerwasser gegönnt hat, ist Ethan fähig genau zu zielen. Ein netter Nebeneffekt das ganze.
Hast du Angst im Dunkeln?
Nun kommen wir zum wichtigsten Punkt in Condemned 2: Die Atmosphäre. Condemned 2: Bloodshot ist ein visueller Alptraum denn hinter jeder Ecke könnte Gefahr lauern. Nur mit einer Taschenlampe leuchtet man sich durch ein dreckiges Hotel, eine zerstörte Bowlingbahn oder auch durch eine verlassene Waldhütte. Egal wo man gerade ist, man bekommt es ständig mit der Angst zu tun. Begleitet von Selbstgesprächen und Dingen die nicht Real sein können, kämpft sich Ethan durch die schaurigen Schauplätze. Das Spiel weiss aber auch gekonnt zwischen rasanten Stellen und eher gemächlichen Ereignissen abzuwechseln. So trifft man in jedem Level immer wieder auf einen Tatort, dort kann man dann mit Ethan das ganze untersuchen und die Informationen an die SCU weiterleiten. Diese Stellen sind ideal um wieder ein bisschen zur Ruhe zu kommen und man erfährt nebenbei noch einige Details über die Story. Wenn ihr aber nicht gerade an einem Tatort oder bei einer Zwischensequenz seid, macht euch das Spiel die Hölle heiss. Das geht an manchen Stellen so weit, dass ihr beispielsweise in einer alten Waldhütte von einem Bären überrascht werdet. Selten bekam man in einem Spiel so ein beklemmendes Gefühl.
Schaurig schöne Umgebungen
Damit die Atmosphäre noch besser rüber kommt, bietet Condemned 2 eine sehr anschauliche Kulisse. Besonders die verschiedenen Innenlevel sind einfach nur noch erdrückend in ihrer Darstellung. Die Lichteffekte können sich auch sehen lassen und auch sonst vermisst man in den meisten Levels nichts. Leider verspielt Condemned 2 besonders in den Aussenlevels sehr viel von seiner Atmosphäre. Die Grafikengine enttäuscht dort leider enorm und lässt einfach das gewisse etwas vermissen. Bei den Animationen zieht das Spiel dann aber wieder alle seine Register. Eigentlich alles agiert täuschend echt und wirkt schon beinahe beängstigend. Wenn man beispielsweise einem Gegner den Arm auskugelt, hat man das fragwürdige Vergnügen ihm zu zuschauen, wie er diesen Arm wieder versucht ein zu kugeln. Das ist nur eine der vielen Details die man in den Animationen sehen kann, kann man durchaus als eine Referenz auf diesem Gebiet sehen. Wirklich genial ist Condemned 2 bei dem Sound. Die Musik ist genau so verstörend wie der Rest des Spiels und trägt enorm viel zu der grandiosen Atmosphäre bei. Den Sound kann man locker als eine der besten Abmischungen der bisherigen Konsolengeneration zählen.
Nicht nur Ethan hat Probleme…
Leider ist Condemned 2 nicht von kleinen und grösseren Schnitzern verschont geblieben. Das wären, wie oben erwähnt, die schwachen Aussenlevels. Diese kosten dem Spiel wirklich einiges an Atmosphäre. Stellenweise treten auch kleine KI-Hänger auf und manchmal hat man es im grossen Kampfgetümmel ein bisschen schwer mit der Übersicht und verliert dadurch gerne mal ein Bildschirmleben. Das macht aber nichts denn das Spiel verteilt wirklich sehr fair seine Savepoints. So wird Frust im Keim erstickt und man kann sich voll und ganz dem Spiel hingeben. Auch beim Umfang gibt es nichts zu bemängeln, das Spiel bietet verschiedene Schwierigkeitsgrade und sogar die Möglichkeit das Spiel mit unendlich Schusswaffenmunition durchzuspielen. Letzteres lässt einem das Spiel noch aus einem total anderen Blickwinkel betrachten und sorgt für Motivation. Darüber hinaus gibt es noch eine Art “Fight Club” wo es verschiedene Aufgaben zu meistern gibt und sogar einen Online-Modus. Der Online-Modus ist leider nicht sonderlich prickelnd, es ist nicht besonders ausbalanciert das ganze und ich hatte während meinen Versuchen dort, wirklich massive Lags. Der Online-Modus wirkt eher als wollte man ihn noch schnell reinballern, damit man irgendwie noch die Langzeitmotivation erhöhen kann. Dieser Schuss ging leider nach hinten los.
Fazit
Ich bin wirklich hin und weg von diesem Spiel. Noch nie habe ich so einen Alptraum durchgespielt (welcher mir manchmal soviel Angst eingejagt hat das ich die Konsole ausschalten musste). In die Rolle von Ethan Thomas zu schlüpfen hatte echt etwas einzigartiges, nie zuvor spielte man so eine kaputte Persönlichkeit. Das schreckt ab und motiviert gleichzeitig, man wird immer tiefer in die Welt um Ethan hineingezogen. Leider wird das Ende dem grandiosen Spannungsbogen nicht gerecht. Es ist keineswegs schlecht, nur passt es halt überhaupt nicht zum Spiel und wirkt irgendwie doch ziemlich aufgesetzt. Hier hätte ich mir mehr erhofft. Sonst hat mir Condemned 2: Bloodshot durchwegs gefallen, tolle Schauplätze, spannende Story, grandioser Soundtrack und die heftigsten Faustkämpfe die man jemals bewundern konnte. Wenn man keine schwachen Nerven hat, ist das Spiel einfach Pflicht! Übrigens: Man benötigt keine besonderen Vorkenntnisse für das Spiel, wenn man den ersten Teil also nicht gespielt hat, kann man trotzdem zugreifen. 90% der Story versteht man auch so und für die anderen 10% kann man z.B. noch den Wikipedia Artikel lesen.
Präsentation: 9.5/10
Grafik: 8.5/10
Sound: 10/10
Gameplay: 8/10
Overall: 9/10
Abgelegt unter: Condemned 2: Bloodshot Review